Das Unionsjahr

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Die Väter der Union

Die Väter der Union

Führende Persönlichkeiten prägten die Anfangsjahre

Die Unionsbewegung im Kirchenvolk verdankt ihre Entstehung und Ausbreitung einer ganzen Reihe führender Persönlichkeiten. An erster Stelle sind hier die Konsistorialräte in Speyer zu nennen, die durch ihre unionsfreundliche ­Politik den Unionswillen der Gemeinden vorantrieben und mittrugen.

Der Direktor des Konsistoriums und Kommissar der Unionssynode Johann Wilhelm Fliesen wurde 1766 in Kaiserslautern geboren. Der studierte Jurist wirkte als leitender Kirchenrat des Generalkonsistoriums in Worms, bevor er 1816 als Regierungsrat in bayerische Dienste trat. Trotz seiner leitenden Funktion kann Fliesen nicht als der führende Kopf des Konsistoriums angesehen werden. Er hat sich im wesentlichen auf die Rolle eines Vollzugsbeamten beschränkt und wenig Einfluss auf die Gestalt der Unionskirche genommen. Im Zuge der personellen Umgestaltung des liberalen Speyerer Konsistoriums durch die bayerische Staatsregierung 1832 bis 1833 wurde Fliesen nach Ansbach versetzt. Die führenden Persönlichkeiten im Konsistorium waren der weltliche Rat Johann Friedrich Butenschön und der lutherische Konsistorialrat Georg Friedrich Wilhelm Schultz.

Butenschön, 1764 in Holstein geboren, studierte in Jena, Kiel und Heidelberg Philologie, Philosophie und Geschichte. In Straßburg nahm er als Mitglied der jakobinischen Volksgesellschaft und Redakteur der Revolutionszeitungen „Argos“ und „Weltbote“ an der Französischen Revolution teil und landete als Opfer der radikalen Jakobiner im Gefängnis. Nach seiner Freilassung war er in Colmar und Mainz als Lehrer tätig und durchlief eine steile Karriere im Unterrichtswesen, die in der Oberaufsicht über sämtliche Erziehungseinrichtungen der Mainzer Akademie gipfelte. 1814 wurde er von der österreichisch-bayerischen Verwaltung als Schulinspektor und 1815 als Konsistorialrat übernommen. Als Kreisschulrat, Herausgeber der „Neuen Speyerer Zeitung“ und Konsistorialrat hatte Butenschön maßgeblichen Anteil an der Entstehung und Verbreitung des Unionsgedankens und der Gründung der Union. Als Verfasser der Verhandlungsgrundlagen der Synode und Hauptverfasser des Katechismus prägte er den aufgeklärten Geist der Unionskirche wesentlich mit. Auch nach seiner Pensionierung 1833 setzte er sich bis zu seinem Tode 1842 für die Grundsätze der Unionsurkunde ein.

Georg Friedrich Wilhelm Schultz, 1774 in Speyer geboren, war nach seinem Theologiestudium in Tübingen von 1802 bis 1811 Pfarrer in Triest. Bevor er 1815 die Pfarrstelle an der Speyerer Dreifaltigkeitskirche übernahm, hatte er in Bergzabern und in Landau als lutherischer Pfarrer das Gemeindeleben neu aufgebaut. 1816 wurde er zusammen mit seinem reformierten Kollegen Jakob Lukas Weyer zum Konsistorialrat des Generalkonsistoriums in Speyer ernannt. In der Unionssynode hielt Schultz die Eröffnungspredigt und sprach die Einsetzungsworte beim Abendmahl. Als Mitglied des Ausschusses für die kirchliche Lehre und Verfasser des Unionsgesangbuches prägte er nachhaltig den theologischen Geist der Unionskirche. Neben dem Dienst in der Kirche wirkte Schultz in der Schulaufsicht sowie als Mitglied des Landesrates und des Münchener Landtages. 1838 wurde er als Konsistorialrat in den Ruhestand versetzt. Sein Pfarramt versah er bis zu seinem Tod 1842.

Jakob Lukas Weyer wurde 1771 in Essenheim bei Mainz geboren. Bevor er 1815 die reformierte Gemeinde in Speyer übernahm, war er Pfarrer in Freilaubersheim und in Kreuznach. Wegen einer schweren Krankheit konnte Weyer sich nur bedingt für die Union einsetzen, von deren Notwendigkeit er überzeugt war. In der Unionssynode trat er durch die Eröffnungsrede am zweiten Sitzungstag und die Abschlusspredigt hervor. Noch vor der Einführung der Union in den Gemeinden starb Weyer am 30. November 1818.

 Neben den Konsistorialräten setzten sich viele Persönlichkeiten für die Union ein. Maßgebliche Impulse für die Generalsynode gaben Geistliche wie Philipp David Müller aus Mimbach (1773 bis 1848), Philipp Casimir Heintz aus Zweibrücken (1771 bis 1835) und Philipp Friedrich Culmann aus Bergzabern (1752 bis 1818).           

 

Werner Seeling

Aus dem Buch „Zeitbilder“, Evangelischer Presseverlag 1999.

Reformierte und Lutheraner vereinigen sich

Reformierte und Lutheraner vereinigen sich

Die Französische Revolution beendet das Kleinstaatentum links des Rheins. Viele begrüßen die Parolen von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und sehen in der Erklärung der Menschenrechte einen Zukunftsschritt, den Christen gemeinsam bejahen können. Die „Organischen Artikel“ von 1802 sichern den Kirchen ein neues Existenzrecht. Schon 1805 wird in Lambrecht eine erste lokale Union zwischen reformierten und lutherischen Christen vollzogen. Insgesamt beschert die Napoleonszeit den Pfälzern eine einheitliche Verwaltung und vorher nicht gekannte bürgerliche Freiheiten.

So ist der Boden vorbereitet für eine neue Ära der Kirche, als nach dem Sturz Napoleons das Territorium links des Rheins neu geordnet wird. Die Pfalz und ein Teil des Saargebietes kommen als „Rheinbayrische Provinz“ zum Königreich Bayern. König Max Josef, selbst Zweibrücker Herkunft, hat ein Interesse an einheitlichen evangelischen Kirchenverhältnissen. Schon 1816 wird eine gemeinsame Kirchenleitung (Konsistorium) in Speyer eingerichtet. Das Reformationsgedenkjahr 1817 (300 Jahre nach Luthers Thesenanschlag) verstärkt vielerorts den Wunsch nach einer Vereinigung der Protestanten, die im 16. Jahrhundert gescheitert war. Damals leben in Rheinbayern etwa 130.000 Reformierte und etwa 100.000 Lutheraner (zum Vergleich: 180.000 Katholiken, 4.000 Mennoniten, etwa 10.000 Juden werden gezählt). Mehrere örtliche Unionen werden 1817 geschlossen.

So stimmen die Interessen der Gemeinden, die Wünsche der Pfarrerschaft und die der Kirchenleitung überein mit den Absichten des Bayerischen Staates. Zur Vorbereitung der Vereinigung wird sogar - einzigartig in der Geschichte der Unionen im 19. Jahrhundert - eine Volksbefragung angeordnet. Mit überwältigender Mehrheit erklären sich die Haushaltsvorstände für eine Vereinigung der Protestanten: 40.167 stimmen mit „Ja“, 539 mit „Nein“: Für August 1818 wird eine gemeinsame „Generalsynode“ nach Kaiserslautern berufen. Sie ist zusammengesetzt aus den neun reformierten und acht lutherischen Inspektoren (Dekanen), 17 Pfarrern und 17 Laien. Die Begeisterung der Bevölkerung ist groß, als sich die Synode zur Eröffnung am 2. August 1818 von der kleinen lutherischen Kirche in einer Festprozession zur reformierten Stiftskirche bewegt.

 

Klaus Bümlein

Textauszug aus „…muthig voranzuschreiten…. Zur Geschichte der Evangelischen Kirche der Pfalz“. Speyer, 2012