Allein der Glaube. Allein das Wort.

Auf Martin Luthers große Entdeckung folgten kleinliche Streitereien zwischen den „Evangelischen“, gepaart mit großen Ansprüchen der weltlichen und  kirchlichen Macht. 

Wie ist das Abendmahl recht zu feiern und zu verstehen? Wie sind Gottesdienste zu feiern, die Kirchen auszustatten? Die Lehre der Lutheraner und Reformierten wie Zwingli und Calvin gingen auseinander. Ebenso wie ihre Anhängerschaft. Nach der Trennung von der katholischen Kirche folgen innerevangelische Streitigkeiten und Spaltungen.

Gewalt, Kämpfe, der dreißigjährige Krieg. All das nicht nur, aber auch „allein des Glaubens“ wegen. Endlich 1818, beflügelt durch die 300 Jahrfeier der Reformation und den Geist der französischen Revolution wird die Pfälzer Kirchenunion eine kleine Revolution. Das Kirchenvolk entscheidet selbst und stimmt für die „Einheit in der Vielfalt“. 

Für die Union, für Miteinander statt Gegeneinander. Nicht was trennt, soll zählen. Allein, was eint, soll verbinden. Allein der Glaube. Allein das Wort. Die Pfälzer Kirchenunion war ein Akt der Aufklärung, der Vernunft und der Toleranz. 

 

 

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Union begreifen

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Was uns das Unionsdenkmal in Kaiserslautern sagt

Das Unionsdenkmal in Kaiserslautern macht Geschichte greifbar: die Reformationsgeschichte in der Pfalz, die Unionsgeschichte unserer Landeskirche und die Geschichte der Interpretation dieser historischen Geschehen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Ende der 1960er Jahre.

Denkmale waren im 19. Jahrhundert Mittel, um Geschichte anschaulich zu machen. Geschichtsdeutungen wurden mit den Denkmalen gleich mitgeliefert. Sie zu verbreiten und zur Durchsetzung zu verhelfen, war wichtiges Anliegen.

Das von Konrad Knoll aus feinstem Carrara-Marmor gearbeitete Denkmal in der Kaiserslauterer Stiftskirche zeigt zentrale Persönlichkeiten der Reformationsgeschichte. Da sind die überlebensgroßen Figuren von Johannes Calvin und Martin Luther links und rechts des Mittelsockels. Der Mittelsockel selbst zeigt auf der Stirnseite Ulrich Zwingli, Martin Bucer und Philipp Melanchthon. Auf den Seiten finden sich der Reichsritter Franz von Sickingen und Ulrich von Hutten. Zum Unionsdenkmal wird das Monument durch die Aufschrift „Zur Erinnerung der Union der Lutheraner und Reformirten der Pfalz 1818. Errichtet 1883“, aber auch durch die das Denkmal krönende Figur des Religionsfriedens.

Im Hintergrund stehen verschiedene Interessensgruppen: der das Denkmal initiierende Protestantenverein, die Generalsynode und das Königshaus der Wittelsbacher. Knoll ließ 1875 eine Broschüre drucken, in der er über seine im Denkmal umgesetzte Geschichtsdeutung Rechenschaft gibt. Für ihn bestand ein enger Zusammenhang zwischen Reformation und nationalistischer Vaterlandsliebe, den er mit Sickingen und Hutten darstellte. Das Vermittlungspotential der Aufklärung hielt er in der Figur des Religionsfriedens fest. Sie steht auf einem Wappen, das den Speyerer Dom in der Umgestaltung des 19. Jahrhunderts durch die Wittelsbacher zeigt. Knoll stilisiert das Königshaus so zum Stifter des in der Union erreichten „Religionsfriedens“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Stiftskirche 1965 bis 1968 wieder aufgebaut. Das Denkmal wurde vom Chorraum in eine Kapelle versetzt, dazu vom basalen Sockel genommen und so umgruppiert, dass die für die nationale Idee stehenden Portraits der Ritter in den Hintergrund traten. Es blieben die religiösen reformations- und unionshistorischen Aussagen.

Was kann uns das Denkmal heute noch sagen? „Schau mich an, dann bekommst du Lust, dich mit der Geschichte deiner Region und deiner Landeskirche zu beschäftigen. Ich gebe dir viele Hinweise auf faszinierende Personen und zentrale Ereignisse. Schau mich genauer an, dann siehst du Geschichtsdeutungen deiner Vorfahren, die dir fremd sind. Vielleicht wirst du nachdenken, was dir die Union bedeutet. Was steht heute an?“ Ich meine: sich um christliche Einheit mit Partnern außerhalb des Protestantismus zu bemühen, auch interreligiös Verständigung zu suchen, Gräben in der Gesellschaft zu überbrücken, die religiös motiviert sind, oder die gerade dadurch klaffen, weil Menschen heute wenig oder keine religiöse Bindung haben. Und was meinen Sie?   

 

 

Margarethe Hopf

Liberalität ist ihr Markenzeichen

Liberalität ist ihr Markenzeichen

Eine kleine Geschichte der Evangelischen Kirche der Pfalz 

Entscheidend für das Schicksal der pfälzischen Protestanten ist der Wiener Kongress, der nach dem Ende der Herrschaft Napoleons Europa neu ordnen soll. Die Pfalz und ein Teil des Saargebietes kommen als „Rheinbayrische Provinz” zum Königreich Bayern. Im Gegensatz zu der Zeit vor 1793 bildet die Pfalz jetzt eine politische Einheit. Bereits 1816 wird vom bayrischen König eine gemeinsame Kirchenverwaltung für die reformierten und lutherischen Gemeinden in Speyer eingerichtet. Im Gedenkjahr der Reformation 1817 werden vielerorts lokale Unionen geschlossen. Der Wunsch nach einer Vereinigung der etwa 130 000 Reformierten und 100 000 Lutheraner wird immer dringlicher geäußert.

Das Ergebnis dieser Entwicklung war die Pfälzische Kirchenunion im August 1818. Die Vereinigung der Lutheraner und Reformierten kommt durch eine Volksbefragung zustande. Mit einer sehr überzeugenden Mehrheit erklären sich die Haushaltsvorstände für eine Vereinigung der Protestanten: 40 167 stimmen mit „Ja”, 539 mit „Nein”. Für August 1818 wird eine gemeinsame „Generalsynode” nach Kaiserslautern einberufen. Unter reger Anteilnahme der Bevölkerung bewegen sich die neun reformierten und acht lutherischen Inspektoren (Dekane), die 17 Pfarrer und 17 Nichttheologen am 2. August 1818 von der lutherischen Kirche in einer Festprozession zur reformierten Stiftskirche.

Die Synode verabschiedet eine „Vereinigungsurkunde” und gibt damit den Startschuss für die „Vereinigte protestantisch-evangelisch-christliche Kirche der Pfalz” (die diesen Namen bis 1978 behält). Der bis heute meistzitierte Satz dieser Urkunde behauptet, dass „es zum innersten und heiligsten Wesen des Protestantismus gehört, immerfort auf der Bahn wohlgeprüfter Wahrheit und ächt religiöser Aufklärung, mit ungestörter Glaubensfreiheit muthig voranzuschreiten”.

Im Hintergrund dieser Haltung steht der theologische Rationalismus, wie er von den Professoren an den Universitäten von Halle und Heidelberg gelehrt wird. Das in diesem Satz ausgedrückte Programm des Unionsprotestantismus bedeutet, dass das Gewissen des einzelnen Christen für die einzige wahrheitsfähige Instanz gehalten wird. Jedes Gewissen braucht, um sich zu schärfen, ein Gegenüber, und dieses Gegenüber ist dem religiösen Gewissen die Heilige Schrift und die hergebrachten Bekenntnisse – letzte allerdings in gegenüber der Schrift deutlich abgeschwächter Form. Und auch der Bibeltext enthält nicht aus sich heraus Wahrheit, sondern nur insofern er dem Gewissen als Wahrheit einleuchtet. Klarer und radikaler als in der pfälzischen Unionsurkunde kann das Prinzip des Protestantismus nicht erfasst werden!

Die Generalsynode wird mit einem gemeinsamen Abendmahl der vormals getrennten Konfessionen beschlossen. Die neu gegründete Kirche nimmt keine Bekenntnisschriften in ihrer Ordnung auf. In ihr soll die Heilige Schrift als alleinige Lehrnorm gelten; die altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnisschriften sollen aber „in gebührender Achtung“ gehalten werden.

 

 

Martin Schuck (Textauszug) in „Heimat - Kirche – Pfalz“. Ein Portrait der Evangelischen ­Kirche der Pfalz in Bild und Wort, Speyer 2013.

Download Vereinigungsurkunde

Erstes gemeinsames Abendmahl 1818

Erstes gemeinsames Abendmahl 1818

Lehrgegensätze werden überwunden, die im 16. Jahrhundert unüberbrückbar schienen: vor allem bezogen auf das Verständnis Jesu Christi, die Vorherbestimmung Gottes (Prädestination) und das Heilige Abendmahl. Es wird als „Fest des Gedächtnisses an Jesum und der seligsten Vereinigung mit dem Erlöser“ interpretiert. Nach zwei Wochen ist eine „Vereinigungsurkunde“ verabschiedet, die die Basis für die gemeinsame Zukunft der „Vereinigten Protestantisch-Evangelisch-Christlichen Kircheder Pfalz“ darstellt.

Ein hochgemuter Geist durchzieht die Synode: „Dass es zum innersten und heiligsten Wesen des Protestantismus gehört, immerfort auf der Bahn wohlgeprüfter Wahrheit und ächt religiöser Aufklärung, mit ungestörter Glaubensfreiheit muthig voranzuschreiten.“ Im Abschlussgottesdienst feiern die Mitglieder der Generalsynode zum ersten Mal gemeinsam das Heilige Abendmahl. Für viele Teilnehmer ist das eine berührende Erfahrung gewonnener Gemeinsamkeit. In den Gemeinden wird am 1. Advent 1818 die Vereinigung in Gottesdiensten vollzogen, meist unter großer Beteiligung der Menschen.

Erstaunlich schnell nimmt die neue Unionskirche Gestalt an. Wegen der gemeinsamen Gottesdienste werden ca. 30 Kirchen nicht mehr gebraucht; dennoch werden neue gebaut, im Geist „edler Simplizität“: Bereits die 2. Synode 1821 verabschiedet Entwürfe zum Katechismus, zum Gesangbuch und für die Gottesdienstagende. Schon 1823 kann der erste Unionskatechismus veröffentlicht werden. Er ist im Wesentlichen das Werk von Johann Butenschön (1764-1842) und Philipp David Müller (1773-1841). Mit seinen 337 Fragen und Antworten ist er eher ein Werkbuch für Lehrer als ein Lerntext für Schüler. In Fragen der Rechtfertigung und der Trinität lassen sich erhebliche Verkürzungen feststellen. Aber die Pfälzer verteidigen in der ersten Generation diesen Katechismus, der so kämpferisch und vernünftig die Protestantische Kirche erklärt. So heißt die Antwort zur Frage 136: „Unsere Kirche heißt protestantisch, weil sie das edelste Recht des vernünftigen Menschen frey undredlich in der Erkenntniss der wohlgeprüften Wahrheit fortzuschreiten, mit christlichem Muthe in Anspruch nimmt, gegen alle Geistesknechtschaft wie gegen allen Gewissenszwang ewigen Widerspruch einlegt, und ungestörte innere Glaubensfreiheit behauptet.“ 

Länger als der Katechismus, der 1854 und dann 1869 ersetzt wird, begleitet das Unionsgesangbuch von 1823 die pfälzische Kirche. Die Arbeit hatte vor allem Konsistorialrat Georg Friedrich Wilhelm Schultz (1774-1842) geleistet: Es enthält 560 Lieder, aber kein einziges authentisches Lied Martin Luthers bzw. der Reformationszeit. Auch die Texte Paul Gerhardts werden modernisiert.

 

Klaus Bümlein

Textauszug aus „…muthig voranzuschreiten…. Zur Geschichte der Evangelischen Kirche der Pfalz“. Speyer, 2012

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